Die Finanztransaktionssteuer ist notwendig zum Überleben der Finanzinstitute

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Seit einigen Wochen wird intensiv über die Einführung von Finanztransaktionssteuern auf europäischer Ebene diskutiert. Schaut man auf die Motivation für diese Steuer, so wird klar, dass die geplante Steuer in der jetzt geplanten Fassung ihre Wirkung verfehlen und starke negative Auswirkungen, auch für die Altersvorsorge von Privatanlegern, haben wird. Es sind jedoch nur kleine Änderungen notwendig, um der Finanztransaktionssteuer Durchschlagskraft zu geben und die negativen Effekte zu vermeiden. Ohne eine aktive Steuerung und das richtige Setzen von Anreizen für die Finanzinstitute wird die Instabilität des Finanzsystems weiter zunehmen und es wird einen Zusammenbruch geben.

Fallender Turm

Welche Steuer ist geplant?

Der von der EU Kommission vorgestellte Entwurf zur Finanztransaktionssteuer sieht eine Besteuerung von 0.1% für Transaktionen von Aktien oder Anleihen sowie 0.01% für Derivate vor. Als Berechnungsgrundlage wird der jeweilige Nominalwert der Anlage vorgeschlagen. Devisengeschäfte sollen ausgenommen werden.

Was soll erreicht werden?

Laut Richtlinienentwurf der EU Kommission ist der vorliegende Vorschlag ein erster Schritt, mit dem

  1. angesichts der Vielzahl unkoordinierter einzelstaatlicher Steuermaßnahmen einer Zersplitterung des Binnenmarktes für Finanzdienstleistungen vorgebeugt werden soll;
  2. sichergestellt werden soll, dass die Finanzinstitute angemessen an den Kosten der jüngsten Krise beteiligt werden und in steuerlicher Hinsicht die gleichen Wettbewerbsbedingungen bestehen wie für andere Wirtschaftszweige;
  3. Anreizregelungen, die der Effizienz der Finanzmärkte nicht förderliche Transaktionen unterbinden, geschaffen und damit regulatorische Maßnahmen zur Vermeidung künftiger Krisen ergänzt werden sollen.

Was wird kritisiert?

Von vielen Seiten wurde dieser Vorschlag zur Finanztransaktionssteuer nun kritisiert. Einerseits wird die Undurchführbarkeit einer solchen Steuer ohne internationale Zusammenarbeit kritisiert. Selbst eine EU-weite Zusammenarbeit sei völlig unzureichend, da die Banken ausweichen würden. Es müsse eine gerechte Steueraufteilung erreicht werden, schließlich sollen nicht nur die Länder mit eigenen Finanzplätzen Steuern erhalten. Letzten Endes würden auch die Altersvorsorge von Kleinanlegern hart getroffen.

All diese Argumente sind richtig. Selbstverständlich würden die Banken ausweichen – sie müssen sogar so handeln, denn sonst würden sie nicht im Interesse des Shareholder Value Maximierung handeln. Einerseits würden die Banken an nicht besteuerte Handelsplätze ausweichen. Andererseits würden sofort neue Finanzinstrumente entstehen, bei denen der Nominalwert minimiert würde: Ich bin Finanzmathematiker und mir fallen sofort drei oder vier Möglichkeiten ein um ein Finanzprodukt zu strukturieren, welches nur einer minimalen Besteuerung unterliegen würde.

Natürlich muss man sich bei der Finanztransaktionssteuer auch Gedanken machen wie die beschriebenen Ziele erreicht werden können. So soll die Finanztransaktionssteuer insbesondere zukünftige Finanzkrisen vermeiden. In der jetzigen Form ist unklar, durch welchen Effekt die neue Steuer im vorliegenden Vorschlag künftige Krisen verhindern soll.

Was könnte man stattdessen machen?

Das Problem der Finanzmärkte ist meiner Meinung nach ein Transparenzproblem. Die Finanzkrise wurde durch intransparente, sog. over-the-counter (OTC) Geschäfte ausgelöst. Die Anleger wie beispielsweise die SachsenLB, Hypo Real Estate, BayernLB und IKB haben Anlagen gekauft deren Risiken nicht ausreichend im Preis berücksichtigt wurden. Wäre die Preisbildung für diese Produkte über eine Börse geschehen hätte man sofort die Intransparenz entdeckt. Vermutlich hätte sich kein Anleger dazu bereit erklärt ein Finanzprodukt zu kaufen bei dem derart unklar ist, worauf die Renditeversprechen basieren. Eine Börsenzulassung für solche Finanztransaktionen wäre unmöglich.

Um zukünftige Finanzkrisen zu vermeiden ist Transparenz unabdingbar. Börsen sind dabei sehr transparent, da genaue Vorschriften existieren wie Finanzmarktprodukte aussehen müssen und so das Interesse der Käufer und Verkäufer für alle Parteien sichtbar wird. Beim gescheiterten Übernahmeversuch von VW durch Porsche hat Porsche für andere Marktteilnehmer unsichtbar über OTC Kaufoptionen gekauft und gleichzeitig den Aktienkurs in die Höhe getrieben. Die Gewinne aus diesen Geschäften hat Porsche nun genutzt um sich über 75% an den VW Aktien zu sichern. Wären alle VW Optionen sichtbar über die Börsen gehandelt worden, hätte Porsche seine Handelspartner nicht derart gegeneinander ausspielen können. Auch die Marktverwerfungen – VW stieg binnen eines Tages von 200€ auf 1000€ – wären wirksam verhindert worden.

Wenn man standardisierte Finanzprodukte an den Börsen von der Finanzmarktsteuer befreien würde, könnten so alle aufgeführten negativen Folgen der Finanztransaktionssteuer vermieden werden, gleichzeitig würde der intransparente OTC-Handel verteuert. Auch der gefährliche Trend zur Verlagerung von Börsengeschäften in sog. Dark Pools muss gestoppt werden. Sie entziehen den Börsen Liquidität und erzeugen Intransparenz, da die jeweiligen Handelspartner dem Gesamtmarkt verborgen bleiben.

Dadurch dass die Börsen ausgenommen werden, werden die Kleinanleger und deren Altersvorsorge nicht mehr bestraft. Eine Verlagerung der Handelsgeschäfte an andere Finanzplätze statt einer Verlagerung an die Börsen wäre vorgebeugt. Eine derartige Verlagerung an andere Finanzplätze benötigte neue Gesellschaftsstrukturen und neue Handelssysteme. Diese wären zu teuer im Vergleich zu einer Verlagerung der eigenen Handelsaktivitäten an die Börsen.

Um die Stabilität der Finanzmärkte weiter zu erhöhen sollte man zudem den kontinuierlichen Handel einschränken und besteuern. Nur so kann man einen neuen Flash-Crash wie den 9% Fall des Dow-Jones am 6. Mai 2010 wirkungsvoll verhindern. Während des Flash Crash wurde ein einzelner spezifischer Kontrakt 20.000 mal innerhalb einer einzelnen Sekunde gehandelt und wie eine heiße Kartoffel fiel dessen Kurs. Viele Exchange-Traded-Funds verloren innerhalb von 20 Minuten fast den gesamten Wert, über 99%. Besonders erschreckend waren der Kursverlauf von der Aktie Boston Beer, und der Unternehmensberatung Accenture. Beide Aktien waren vor dem Crash über 40$ wert und verloren den gesamten Kurswert: Sie standen auf einem Kurs von null. Eine derartige Ineffizienz des Marktes muss in Zukunft verhindert werden. Wenn ein kontinuierliches Handeln mit der Finanztransaktionssteuer belegt würde, wäre ein derartiges automatisches Handeln auf Basis von Computerprogrammen sofort unrentabel. Bei den steuerbefreiten Auktionen an den Börsen wäre die Liquidität auf einzelne Zeitpunkte konzentriert und die Effizienz des Finanzmarktes würde steigen. Zurzeit werden beispielsweise dreimal täglich Auktionen an der Deutschen Börse durchgeführt. Wahrscheinlich sollte man diese Auktionen häufiger durchführen, z. B. jede 15 Minuten.

Da im (dann besteuerten) OTC Handel weiterhin hohe Volumen gehandelt würden, würden weiterhin signifikante Steuereinnahmen erzielt. Dies entspricht dem Ziel der Beteiligung der Finanzinstitute an den Kosten der Finanzkrise. Ein Ausweichen in Strukturen mit minimalen Nominalen muss dafür natürlich unterbunden werden. Dies könnte man beispielsweise über eine Besteuerung des maximalen Gewinns bzw. Verlustes erreichen. Ob die vorgeschlagene Höhe der Besteuerung ausreicht um die richtigen Anreize zu setzen, muss sich zeigen. Der Finanzmathematik Guru Paul Wilmott argumentiert, dass bereits 0.008% Steuern ausreichen würden. Hier müsste in Zukunft wahrscheinlich nachjustiert werden.

Zusammenfassung

Die vorigen Beispiele zeigen anschaulich, dass die Trends „Verlagerung des Handels in Dark-Pools“ und „hochfrequentes automatisches Handeln“ gefährliche Instabilitäten ins Finanzsystem bringen. Will man das langfristige Überleben der Finanzindustrie und damit der Anlagen auch der Privatanleger sichern, müssen diese Trends aufgehalten werden. Man könnte die Trends durch Verbote stoppen. Diese würden aber einen ganzen Zweig der Finanzindustrie verbieten. Viel besser ist eine gezielte Steuerung in Richtung höherer Transparenz und damit höherer Finanzmarktstabilität. Meiner Meinung nach kann das Finanzsystem nur durch eine flächendeckende EU-weite Finanztransaktionssteuer langfristig stabilisiert werden. Durch die gleichzeitige Steuerbefreiung von Auktionen standardisierter Finanzprodukte an den Börsen werden alle diskutierten negativen Folgen vermieden. Die Besteuerung des kontinuierlichen Handelns beseitigt zudem effektiv weitere Marktinstabilitäten wie sie beispielsweise beim Flash Crash zu Tage traten. Nur ein gesunder Finanzsektor kann seinen Aufgaben in beispielsweise der privaten Altersvorsorge und der Versorgung von Unternehmen mit Krediten langfristig nachkommen.

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